Barbieri
Batacchi

E. De Martino

O. Biasi

A. Redaelli





Gianfranco Barbieri

Entschiedene Materialität

Daß M.B. nichts mit den »Neuen Wilden« gemeinsam hat, ist leicht zu sehen. Schwieriger, aber wohl bezeichnender ist es, ihn von gewissem Pseudo-Realismus zu unterscheiden, der sich zu Unrecht auf Brecht beruft (»Von allen Werken die liebsten sind mir die gebrauchten. Die Kupfergefäße mit den Beulen und den abgeplatteten Rändern. Die Messer und Gabeln, deren Holzgriffe abgegriffen sind von den vielen Händen«).
In der Tat, der Ansatz von M.B. ist subtiler und anspruchsvoller zugleich. Nehmen
wir z.B. seine Stilleben. Ihre Konkretheit, ihre unzweifelhafte Dinghaftigkeit, diese entschiedene Materialität, die sie durchdringt, ist nicht auf Täuschung angewiesen. Jene Flaschen und Caffettieren, Gläser und Hüte sind nicht bloße Zeichen, um eine Reolität der italienischen Provinz zu fixieren, die M.B. allerdings gründlich kennenzulernen Gelegenheit hatte. Vielmehr sind diese Gegenstände, abgehoben vor der monochromen Leere des Hintergrundes, in einem prekären Gleichgewicht isoliert, das keinen direkten Bezug zu einem sozioökonomischen Kontext hat. Und dennoch, gerade ihre Eigenschaft, »Fundstück zu sein«, erlangt unerwartete Wertigkeiten.
Die hervorstechende Klarheit des Zeichens führt dazu, den Betrachter auf tiefgründigerem (irrealen!) Niveau in die Wiedergewinnung einer Realität einzubeziehen, welche die Kultur der Massen-Medien (die Bezüge in diesem Sinne
sind symptomatisch und erhellend) im Begriffe ist auszulöschen...

Vorwort zum Katalog der Austellung “Da stille Leben der Dinge” am Italienischen Kulturinstitut, Hamburg, 25.10. bis 15.11.1985



Franco Batacchi

In diesem Haus wohnt Utopia

Ein Haus, Archetyp eines Hauses. Ein italienisches, vielleicht toskanisches Haus.
Eine toskanisches Haus ins transplantiert? Nein, transportiert. Schwebend und getragen vom Wind durch eines nordischen Himmel, klar und kühl. Ein einfaches Haus. Einfach so wie es die Kinder zeichnen: quasi kubisch, mit einem Satteldach ohne Dachvorsprung. Wenige Fenster - ohne Fensterläden, wie aufgesperrte Münder an den Fassade. an der seitlichen sichtbaren Front eine Tür mit Rundbogen. Manchmal führt sie auf eine Treppe die ins Dunkel eintritt. Im Giebel ein Rundfenster (Auge des Polyfem)

Häuer wie Dominosteine, umgestürzt und durcheinandergeworfen wie nach (oder vor) einer Spielpartie. Häuserhaufen, von einer anomalen tellurischern Kraft aufgebläht, die zwar die Integrität der Mauern repektiert aber Strassen und Plätze einer verlassenen Stadt ausradiert. Nur die Zypressen (wieder Toskana) und mancheine Pinie widerstehen, perfekt aufrecht und verwurzelt , unbezäuhmt der Naturkatastrophe. Die Natur behauptet ihre Vorherrschaft gegenüber der stumpfsinnigen Aggression des Bauens.

Häuser die aus einer platten Lagune aufsteugen, oder aber auf eine Tischfläche gestellt sind wie ein Stilleben. Spielzeughäuser die von lunaren Häuschen überflogen werden, von leuchtenden Wolken getrieben.

Ein schwarzes Haus. Das, was ich vorziehe, nichts "graziöses" ist ihm zugebilligt, nur vielleicht eine kleine Treppe mit hellblauem Geländer. Die unperfekte Axionometrie richtet es zu einem Monument auf, das würde auch Sironi gefallen. Innen könnte man die in Urugay hergestellten gigantischen Räder von Riccardo Pascale finden, oder ein massives Eisen von Pino Spagnulo.

Dies und anderes habe ich im Atelier von Matthias Brandes gesehen. Ich habe Gegenstände gesehen die zu Schaupielern befördert wurden (Stühle, alte Kaffeemaschinen). Ich habe eine zukünftige Malerei ahnen können, die mutig bei
der menschlichen Figur abkommt und zwischen Masaccio und Balthus vermittelt.

Der Ursprung ist gotisch (als man noch keine Signaturen der Erinnerung anvertraute). Und dann weiter noch andere Namen, um die Bojen einer originellen Route zu kennzeichen: De Chirico, Magritte, Rosai, Gnoli, Clerici. Plötzliche farbliche Akzente wie bei Paolo Uccello, aber es überwiegt der "basso continuo" eines stofflichen Farbauftrags der schon Guarenti gefiel, präzis abgegrenzt und von glattgestrichenen Hintergründen abgesetzt, wie diejenigen von Donghi und Cagnaccio di San Pietro.

Rede zur Eröffnung der Ausstellung in der Galleria Santo Stefano/Venedig,
6.Februar 2000




Enzo De Martino

Aufgehäufte Spielzeughäuser

Die neuesten Werke, alle im Jahr 199 entstanden, eines deutschen Künstlers der seit einigen Jahren im Vneto lebt. Matthias Brandes (Bochum 1950) malt wie Spielzeug aufgehäufte Häuser in einer befremdlichen Weise mit surrealem Geschmack. Durch einen schönen Katalog-Text von Oimpia Biasi präsentiert, einer Kollegin die vom “tiefsitzenden Unbehagen, welche die Maleri ist”, strahlt diese Ausstellung, die erste von Brandes in Italien, eine Beunruhigung und misteriöse Melancholie aus. Nicht zufällig stellen deshalb Werke wie “Acqua Alta” eine vielleicht mehr oder weniger bewusste Bezugbahme auf Boecklins “Toteninsel” dar. Auf eine eigene Art wird mit einem gekonnten Einsatz malerischer Mittel eine fantastische Vision realisiert, welche eine originelle und attraktive Vorstellungswelt manifestiert.

Rezension der Ausstellung in der Galleria Santo Stefano, Februar 2000
Gazzettino de Venezia, 12/2/2000




Olimpia Biasi

“Es gibt zwei Möglichkeiten über diese
Welt nachzudenken: eine, die dich dahinbringt
in Diskusssionen Recht zu haben, und eine andere,
die dich dahinbringt die Dinge zu entdecken.”
Dashiell Hammet


Halluzinierte Stille

Die “Aufgedrehte” ist eine Espressokanne “hundert-mal-siebzig-Acryl-auf-Leinwand”, mit krummem Schnabel und fruchtbarem Becken, eng verwandt mit einer verzückten Badenden, die mit einem blauen Stuhl verschmilzt.. Ihre Haltung ist unveränderbar und zeitlos. Man weiß weder seit wann, noch warum sie so hartnäckig regungslos verharren. “Drei Stühle”, die sich in einer virtuosen Balance aber eindeutig introvertiert zur Schau stellen, sind mit sich selbst beschäftigt und geben ihre Absichten nicht preis.

Matthias Brandes erforscht das Schweigen, tritt verstohlen in uns verbotene Räume ein, wo die Dinge, Häuser oder Personen wie Fundstücke lagern, einem gemeinsamen Schicksal ausgeliefert, auswegslos in ein reines Licht gehüllt, sorgfältig abgelegt in der damit einverstandenen Stätte.

Diese Orte, geträumt oder von Fall zu Fall erfunden, haben keinen Duft, weder Geräusche oder Rauschen; sie leben in einer halluzinierten Stille. Matthias, verzaubert, durchschreitet sie hin bis zum Abgrund, der sie umschließt, wo lautlose Landschaften schwerelos lagern. Er setzt sich an den Rand und spielt, wie ein melancholischer Kater die Pfote ausstreckend, mit den Häusern, um sie sanft auf den Kopf zu stellen, staunend und verwundert über deren Leichtigkeit. Hier, am reinen Abgrund drehen sich die Häuser mit aufgerissenen Mündern und starren Augen ganz langsam, Bäume und kleine Stücke von Landschaft mit sich führend. Sie haben erdige Farben und beherbergen kubikmeterweise komprimierte Stille.
Das Atelier von Matthias ist ein weiter Abgrund voller sich wendender Häuser ohne einen Hauch von Wind, noch Geräusche, noch Düfte, noch Gerüche. Das Licht dringt allzu indiskret ein für den Maler, der sich schwerelos auf alten Dielen bewegt, die Hand ausstreckt und langsam ein Haus wendet, bis es in der “Szene N. 1” auftritt, wo es ein von einem reinen, wasserfarbenen Himmel geduldig erwartet wird. Draußen in der Welt tobt der Frühling mit schreienden Farben, Tönen, Lichtreflexen. Das Land ist unverschämt schön und vital.

Matthias spricht über sich, über sein Leben, seine Ankunft in Italien auf dem romantischen Weg bedeutender Nordländer. Spricht über das tiefsitzende Unbehagen, welches die Malerei ist, und seinem Gespür für Gegenständ-lichkeit. Er setzt seinen Fuß auf den Rasen und sagt: ”Wo immer wir gehen, sind schon die Fußstapfen anderer aus diesem Jahrhundert”. Er, begeisterter Anhänger des italienischen Quattrocento, von Morandi, Magritte, Balthus, Sironi und aufmerksamer Beobachter der Orte und Zeugnisse der Kunst, hat eine richtige Schule und gründliche Erfahrungen hinter sich. Aber in seinem Innern spürt er die starke Sehnsucht, sich immer in die Räume zu flüchten, die nur er kennt, um in sich jenes tiefsitzende Unbehagen zu belauschen, welches die Malerei ist.

Vorwort für den Katalog Matthias Brandes, Bilder 1998-99





Alessandra Redaelli

Die rauhe Materie der Träume



Matthias Brandes ist ein ungewöhnlicher Künstler. Ein Maler der die Leinwand als Untergrund benutzt, um dort eine verzauberte Welt einzumeisseln. Entrückte Landschaften, wo Häuser sich in schweigender Umarmung aneinanderdrängen, auf sanften Hügeln aufgeschichtet oder in flachen Lagunen gelegen.
Was bei diesen solide und geometrisch entworfenen Konstruktionen zunächst ins Auge fällt, ist die rauhe und schrundige Materie, aus denen sie gemacht sind. Eine äusserst raffinierte Materie, die Brandes durch fette Eitempera erreicht, welche mit Ölfarben angemischt wird. Als ich das erste Mal eines seiner Bilder vor mit hatte, ist meine Phantasie in erster Linie von dieser Materie angeregt worden. Sie zog mich unwiderstehlich an, und ich konnte mich nicht zurückhalten, die Leinwand zu berühren, um ihre Beschaffenheit zu ertasten. Denn auf den ersten Blick ist es wirklich schwierig zu akzeptieren, dass das Werk nur zweidimensional ist, dass diese Kante der Mauer, dieses spitze Dach, diese zugespitzte Zypresse nicht der Oberfläche entfliehen.

Mir ist erst mit dem zweiten Blick bewusst geworden, was das Werk darstellte, als dieses erste Bedürfnis nach physischem Kontakt befriedigt worden war. Erst dann gelang es mir, ein paar Schritte zurückzutreten und das Werk als Ganzes auf mich wirken zu lassen. Und das, was ich sah, hat mich durch seine Melancholie berührt.

Auf einer kahlen Insel, die auch der Gipfel eines Gebirges sein könnte oder eine Klippe mitten im Meer, sind die Häuser so dicht aneinandergedängt, dass sie ihre gewohnte aufrechte Lage verloren haben. Und doch scheinen sie nicht zu umzukippen. Niemals. Massiv, monolithisch, scheinbar aus einem einzigen Steinblock bestehend, dessen Innenraum nur durch die wenigen, vermauerten Fenster und dunklen Eingänge vorgetäuscht wird, erscheinen diese Gebäude unverrückbar, ewig, verschachtelt unter einem klaren Himmel, einem scheinbar aseptischen, luftleeren Raum, wo sie für alle Ewigkeit stehen, wie die Steine von Stonhenge.

In den Bildern von Brandes fliesst keine Zeit, denn es gibt keine Erzählung. Die ausgeglichene Aufteilung des Bildraums, die auf das Wesentliche reduzierte Palette (die Ocker und Graus der Mauern, das düstere Grün der Bäume nur durch das leuchtende Rot der Dächer kontrastiert) sprechen eine gefühlsreiche, direkte Sprache, die keine Geschichte braucht. Es ist eine Sprache mit präzisen und harmonischen Rhythmen wie eine musikalische Partitur, die in uns tief verborgene Saiten anklingen lässt. Diese Malerei liefert und sucht keine Erklärungen. Ihre Logik, wenn es hier eine Logik gibt, ist die der Träume. Vielleicht könnte man mit etwas Mut behaupten, ist es die der Freudschen freien Assoziationen. Warscheinlich ist es nicht so, aber ich stelle mir vor, wie Matthias ein Haus malt. Aufrecht, mächtig, nur ein wenig erleichtert durch die Gegenwart von vier Bogenfenstern - zugemauert natürlich - steht es dort im Zentrum des Bildes. Nachdem es nun dort gemalt ist, empfindet der Maler die Notwendigkeit ein anderes zu schaffen, aber diesmal vollständig am Boden liegend (das rote Dach ist seitlich zu sehen) und dann noch eins, ein wenig schief, und dann ein Kirchturm, eine Zypresse, eine Kuppel, wie in einem Fliessen des Bewusstseins.
Sei es, dass sie einen wenn auch nur minimalen Realitätsbezug haben, weil sie auf einen Fels oder eine ruhige ruhige Wasserfläche gelegt sind, sei es, dass sie die Eigenschaften eines Stillebens auf einem Tisch mit makellosem Tischtuch haben, die Häuser von Matthias Brandes geben mir den Eindruck, Teil eines einzigen, langen Traums zu sein. Und die minimalen Variationen, die eine Leinwand von der anderen unterscheiden, sind eine Einladung zu einer langsamen Besinnung: Herausforderungen an den Betrachter seine Wahrnehmungen auf die Probe zu stellen. Aber auch wenn dieses Spielen mit den Gefühlen und der Verzauberung und diese verborgene Beunruhigung nicht sehr weit weg sind von den Plätzen eines De Chirico und den surrealistischen Rätseln, in allem herrscht die typische Harmonie des quattrocento, wo jeder Zweifel am Ende in den perfekten Volumina des Piero della Francesca aufgehoben sind.

Katalogtext zur Ausstellung im April 2007, Galleria L'Immagine, Mailand


Das Spielzeug wird Poesie

Interview mit Matthias Brandes
von Alessandra Redaelli

A.R.: Wie war Deine Ausbildung zum Maler?

M. Brandes:1969 habe ich an der Kunsthochschule Hamburg begonnen. Nach 68 machte man entweder Politik, Video, Plakate oder man war ein Reaktionär, der bürgerliche Kunst machte. Für uns, die wir die Malerei liebten, bot der politische Realismus einen Mittelweg. Und dann war da auch die DDR mit einer bemerkenswerten Mal-Tradition.
Mein Lehrer war Gotthard Graubner, ein abstrakter Maler er noch in Dresden ausgebildet worden war. Von ihm habe ich gelernt, dass Farbe ein Mysterium ist und welche Bedeutung Cezanne deswegen für die moderne Malerei hat. Aber eigentlich malte ich recht wenig. Ich studierte Kunsterziehung und musste mich deshalb leider auch mit Pädagogik und Didaktik beschäftigen.
Mit 29 Jahren hatte ich dann, mit der einem politisch und sentimental bewegten Studentenleben geschuldeten Verspätung, meine Lehrbefähigung für Gymnasien in der Tasche. Aber statt nun mich in einem Gymnasium mit sicherem Beamtengehalt einzunisten, habe ich mich hier in das ländliche Veneto zurückgezogen, das damals noch sehr arm war. Ich erkannte, dass ich noch nicht richtig malen konnte und habe von vorne begonnen, als Autodidakt. Sehr kleine Bilder. Drei Birnen, einige Landschaften, Portraits. Als Student bewunderte ich Renato Guttuso, aber jetzt begann ich für Morandi den Kopf zu verlieren. Nach und nach habe ich die gesamte figürliche italienische Malerei des 20. Jahrhunderts aufgesogen, Carrà, Sironi usw..
Aber der Schlag traf mich ein paar Jahre später in Venedig in einer Ausstellung von Balthus. Autodidakt und Anchronist, der er war, malte Balthus, während überall der Abstrakte Expressionismus gefeiert wurde, im einem von Piero della Francesca inspirierten Stil seine jungen Mädchen.

A.R.: Wie entstehen Deine Bilder? Woher kommt die Idee, die zu einem Bild führt.

M. Brandes: Wenn ich das wüsste. Es gibt keinen rationalen Grund. Diese Schiffe zum Beispiel sind so entstanden: mit 8 Jahren war mein Sohn verrückt nach der Titanic-Story. Es war gerade der Film herausgekommen und die Geschichte hat ihn sehr beschäftigt. Also entschied ich mich ihm als Spielzeug ein Schiff aus Karton zu bauen. Eines Tages sah ich es dort, vereinsamt auf einem Tisch, und wurde mir sofort darüber klar, welche Magie das ausströmte an diesem Ort: Ein so großer Gegenstand auf einen Tisch gestellt! Und so habe ich begonnen dieses Sujet zu entwickeln und es ist eine Serie von Bildern mit Schiffen entstanden.

A.R.: Mich macht die Symbolik Deiner Bilder neugierig. Warum ein Haus - das ja der Inbegriff von Solidität und Schutz ist -in einem instabilem Gleichgewicht oder sogar in der Luft fliegend?

M. Brandes: Ich glaube, dass meine Häuser eigentlich Lebenwesen sind, Einzelcharaktäre odere merkwürdige Tiere. Und dann können sie auch fliegen. Ich finde das absolut plausibel.

A.R.: Unter Deinen letzten Arbeiten befinden sich auch weibliche Figuren. Imposant und sakral wie Madonnen. Erklärst Du uns diesen Wandel?

M. Brandes: In Wirklichkeit habe ich immer Protraits und Figuren gemalt, auch wenn ich das nicht als mein Hauptthema gewählt habe. Im Gebiet der Figur kann man leicht ausrutschen. Ich könnte auch mit einem Bonmot sagen: beim Malen von Figuren kann man leicht eine schlechte Figur machen....Es ist ausserdem ein in der Kunstgeschichte derart erprobtes Sujet, dass man es mit unerreichbaren Vorbildern zu tun hat. Wenn du nicht akzeptierst, dich mit banalen expressionistischen Deformationen oder mit Karikaturen aus der Affäre zu ziehen, hast du dich mit Giganten zu messen. Mir gefällt das Thema ausserordentlich. und aus persönlcihen Gründen bin ich damit verbunden, aber ich gestehe meine Skrupel ein. Vielleicht sind es zuviele.

A.R.: Deine Bildern sind voller Emotionen. Sie enthalten viel von Dir. Malst Du für Dich selber oder für den, der das Bild erwerben wird?

M. Brandes: Ich glaube an die Wichtigkeit vom Bild überm Sofa. Ich stelle mir gerne vor, was im Haus desjenigen passiert, der ein Bild von mir erworben hat. Dass er es am Morgen sieht, wenn er gerade aufgewacht ist, und am Abend, vor dem Einschlafen. Dass er es bei Tageslicht betrachtet, bei elektrischem Licht und, warum nicht, bei Kerzenschein. Und dass das Bild immer anders aussieht, dass der Betrachter nie müde wird, es zu betrachten, nicht einmal nach vielen Jahren. Deshalb, weil das Bild ein Geheimnis enthält, das man erahnt, aber das nie entdeckt werden kann.

A.R.: In der heutigen Gesellschaft. wo wir mit starken oder bedrängenden Bildern bombadiert werden, wie sie nicht nur das Fernsehen, sondern auch Internet und die ganze digitale Kommunikation anbieten, was ist die Rolle des Malers?

M. Brandes: In der Vergangenheit hatte die Malerei das Monopol der Herstellung von Bildern. Es gab Orte, die den Bildern gewidmet waren wie Kirchen und Paläste, und die Maler formulierten das kollektive visuelle Bewusstsein ihrer Zeit. Heute wird die kollektive Immagination von den Massenmedien erarbeitet, schnell und allgegenwärtig.
Die Malerei kann nicht mit diesen Prozessen mithalten. Ihre Aufgabe ist es Räume kontemplativer Wahrnehmung zu schaffen, zeitlos. In diesem Sinne ist die Malerei unersetzbar: sie erschafft eine innere Gegenwelt. Nehmen wir Mark Rothko, den ich für einen der bedeutendsten Meister des 20. Jahrhunderts halte. Unmöglich irgendetwas von einem seiner Werke aufzunehmen, ohne sich in Besinnung zu versenken. Genau das ist es, je mehr Besinnung sie erfordert, desto besser gefällt mir die Malerei. Und umso mehr hat die Malerei heute einen Sinn.

© Matthias Brandes
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