Rezensionen

Elsa Dezuanni

MATTHIAS BRANDES SYMBOL, REALITÄT UND TRAUM

Innerhalb der grossen Sprachen-Vielfalt der heutigen Kunst lassen die Bilder von Matthias Brandes an eine Verwandtschaft mit der pittura metafisica denken: die Widersprüchlichkeit der Perspektive, das irreale Licht, die kompakten Hintergründe erinnern sowohl an die angehaltene Zeit in den Visionen eines Giorgio de Chirico, an die ruhende Figürlichkeit des Carlo Carrà, an die Konkretheit bei Mario Sironi, sowie an die immer wiederkehrende Meditation über die Beziehung von Farbe und Form bei Giorgio Morandi. 
Dies sind Vorläufer, denen der Maler Anregungen verdankt, aber nichts schuldet, denn der sein Ansatz und seine Symbolik sind völlig eigenständig: Häuser, Glockentürme und Schiffe, scheinen statt mit dem Pinsel durch Meisselschläge entstanden zu sein und machen ein architektonisches Konzept sichtbar: Das Haus als Emblem des Schutzes vor der Feindlichkeit der Welt, wo Individualität und Gefühle bewahrt werden; Schrein zur Aufbewahrung von Erinnerungen und eines Universums von inneren Bildern.

Selbst in der Anhäufung mit Glockentürmen und Kirchen-Kuppeln, bleiben diese Häuser, jedes für sich, Ort individuellen Lebens; von steinernem Aussehen haben sie zugemauerte Fenster und hohe, schmale, dunkle Eingänge, in denen man Treppen erblickt, die im Dunkeln enden. Häufig ineinander verschachtelt, in prekärem Gleichgewicht verharrend, das Eine auf das Andere fallend, bilden sie irreale Aufhäufungen oder aber werden sogar zu fliegenden Objekten. Manchmal ähneln sie aus dem Wasser herausragenden Felsen. Sich gegenseitig stützend und eingezwängt zwischen aufragenden, kompakten Zypressen scheinen sie auf die unbewegliche Atmosphäre des späten
18. Jahrhunderts der Toteninsel von Arnold Böcklin zu verweisen. Doch durch der Titel Hochwasser finden wir eher einen Bezug zu Venedig, jener Stadt, die, wie der Künstler erläutert, seine Seele widerspiegelt.
All diese Gebäude, aus einem kreidigen und körnigen Gemisch einer fetten Ei-Tempera modelliert, sind in eine schweigende Atmosphäre eingetaucht und von beunruhigter Bewegungslosigkeit. Zwischen dunklen Schatten reflektieren sie harmonische, kristalline Helligkeit, oft in tonaler Farbigkeit. Doch paradoxerweise scheint dieser Kontrast auf einem unauflöslichen Akkord aufzubauen. Und zwischen ihren Mauern, über schattet von einer diffusen Einsamkeit, bewahrt das Haus sie einen Grundgedanken, so wie die Maler ihn selber erklärt: “Es ist keine Behausung, sondern Seins-Symbol. Mich interessiert die condizione umana, die Bedingung menschlicher Existenz. Das Erleben von harmonischen Monenten in einer prekären Situation. Nichts ist sicher, stillstehend, ewig. Aber es gibt Augenblicke des Gleichgewichts. Deshalb sind meine Bilder doppeldeutig. Der erste Blick entdeckt Harmonie, der zweite stellt diese in Frage. Ein kontinuierliches Oszillieren zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Ruhe und bevorstehendem Wandel.” Dem Betrachter kann nicht entgehen, dass Brandes sein “Haus” von aussen zeigt, mit einer “psychischen Haut”, eine klare Trennung von Innen und Aussen markierend. Diese Unterscheidung erlaubt ihm möglicherweise, von Mal zu Mal neu mit verschiedenen Aspekten der Realität in Wechselwirkung zu treten. Im Dialog mit dem Betrachter gelingt es dem Künstler Fragen hervorzurufen: möglicherweise warum ein Haus samt Baum an seiner Seite nicht auf Grund und Boden errichtet wurde, sondern auf einer mit einem reinem, gebügelten Tischtuch gedeckten Tafel. Offensichtlich nicht um ein Fest-Mahl zu schmücken, sondern die Möglichkeit zu geben,
Traumszenerie zu werden.

So wie es geschieht, wenn die “Häuser” sich in granitene Schiffe ohne Bullaugen verwandeln, die keine Meere durchpflügen, sondern auf Kommoden oder Tischen gelandet sind, auch diese von Tischtüchern bedeckt, wie wenn Einrichtungsgegenstände, ihrer häuslichen intimen Umgebung entzogen, ins Freie gebracht wurden.
Diese Kompositionen von stofflicher Pastosität in Perlgrau und lichtem Himmelblau, haben Titel wie Arca (Arche), Approdo (Landung) oder Famiglia Navale (Schiffsfamilie). Sind auch dies Metaphern, um durch Querverbindungen einen Dialog anzuregen?

Häuser, die wieder zu “Gegenwart” werden, wenn Brandes Frauengestalten mit einer an die Malerei des quattrocento erinnernden Feierlichkeit malt, in frontaler Ansicht vor einem meist dunklen, kompakten Hintergrund. Hier, auf die Grösse einen kleinen Gegenstandes reduziert, erhalten sie eine erzählerische, ja, gesprächshafte Bedeutung, denn sie bringen eine  zarte, spielerische Wirkung hervor. Man betrachte die verschieden Varianten der Donatrice (Schenkende) und der Giocoliera (Jongleuse), wo das Haus für die Eine Mittelpunkt, für die Andere dynamisches Element an Stelle von schwebenden Bällen oder Keulen wird. Für den Künstler ist das Spiel nicht oberflächlich, sondern Hoffnung. Es bezieht seine Kraft aus einer Innerlichkeit, in welcher das Wirkliche mit dem Traum zusammenleben kann, beide Nahrung für Kreativität.