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Matthias Brandes

Wandmalerei als Nachsorgekunst

Velbert hat zwei völlig identische Wandbilder, die von keinem Künstler gestaltet wurden, aber an so prominenter Stelle angebracht sind, daß Tausende sie täglich sehen müssen. Sie zeigen auf schrill-gelbem Hintergrund ein geöffnetes Telefonbuch. Es handelt sich um eine Reklame für das Branchenverzeichnis der Post. Jede Werbetafel kann historisch als Fortführung der traditionsreichen Wandmalerei gesehen werden. Ebenso wie z.B. die berühmten Fresken des Giotto in Assisi oder Padua übermitteln sie Botschaften mittels Bilder und Zeichen, die an öffentlich zugänglichen Gebäuden angebracht sind. Sie gestalten damit öffentliche Räume, damals Innenräume - heute Außenräume, sie werden als Auftragsarbeiten angefertigt. Sie haben einen Adressaten, dessen Sehgewohnheiten sie einerseits berücksichtigen, andererseits beeinflussen. Doch der Qualitätsunterschied ist so riesig, daß jeder einen weiteren Vergleich für völlig abwegig halten würde. Aber gerade dies verweist nur auf die zweifache Problematik, die ein Künstler berücksichtigen muß, wenn er heute ein Wandbild schaffen will.

Zum einen kann er sich der Auseinandersetzung mit dem bereits historisch erreichten Standards nicht entziehen. Andererseits hat er mit der Überfülle der kommerziellen Bilder im öffentlichen Raum zu rechnen, die ganz entscheidend die visuellen Gewohnheiten der Betrachter prägen.

Die heutige Wandmalerei führt notwendigerweise eine Nischenexistenz. Darin liegt die Gefahr, es sich bequem zu machen. Die Auftraggeber wollen etwas “Nettes” und viele Künstler sind bereit zu liefern, was sich schnell realisieren lässt und möglichst Allen gefallen soll. Aber bekanntlich lässt sich die Qualität eines Kunstwerks nicht durch Meinugsumfragen ermitteln. Ich spreche von der professionellen Wandmalerei, denn die Wandmalerei spielt auch in der Sozialarbeit eine gewisse Rolle. Und manche Ergebnisse, die sich „Laien"-Gruppen erarbeitet haben, sind von viel größerer Kraft als die von Berufskünstlern, weil sie von einem authentischen Ausdruckswillen getragen sind, während der Profi oft nur durch das Honorar motiviert wird.

Eine Wand ist keine beliebige Fläche, auf der man machen kann was man will. Sie ist Teil einer Architektur mit seinen Dimensionen, Proportionen, Gliederungen usw. . Und hiermit verbunden ist die Wand Teil einer räumlichen Situtation, eines Zusammenhanges mit anderen Gebäuden, mit Straßen, Bäumen und anderen Objekten. Diese räumliche Situation gibt dem Betrachter eine beschränkte Zahl von Standpunkten, von denen aus das Wandbild betrachtet werden kann. Im Zusammenhang mit Wandbildern ist es überhaupt problematisch von Standpunkten zu reden, denn der Betrachter bewegt sich vor dem Bild, während er es betrachtet (Für ein Tafelbild gibt es dagegen nur einen einzigen richtigen Standpunkt). Und schließlich wird ein Wandbild in eine spezifische soziale Situation gestellt. Ein Werk, daß in einem Geschäftsviertel gelungen erscheint, kann in einer normalen Wohnsiedlung völlig deplaziert sein.

Die Dekoration ist ein verpönter Begriff in der Kunst. Man denkt dabei entweder an Zierstreifen auf Klebefolie, an bunte Farben oder an Schaufenster. Dagegen waren Architektur und Dekoration ursprünglich eine Einheit. Die Bauten der Antike waren keineswegs schlicht und weiß, sondern höchst klmstvoll mit farbigen Ornamenten und Biklern verziert. Die funktionale Nacktheit unserer heutigen Architektur ist nur Ausdruck von Phantasielosigkeit und Anonymität. Die meisten bildenden Künstler würden es jedoch als Demütigung empfinden, eine Wand “nur” dekorieren zu müssen. In Wirklichkeit wären sie allerdings, so vermute ich, schon mit dem Entwurf eines schlichten Ornaments völlig überfordert. Die gestalterische Intelligenz und Kraft eines Mosaikfußbodens in einer romanischen Kirche zum Beispiel läßt oft Vieles verblassen, was heutzutage als „Freie" Kunst gehandelt wird. Wo gibt es übrigens an deutschen Kunsthochschulen noch eine Professur für Wandmalerei?

Auch viele Architekten wollen meistens mit der dekorativen Malerei, und so sollte man die Wandmalerei bezeichnen, nichts zu schaffen haben. Sie möchten ja selber Künstler sein und verzieren ihre Bauten munter mit den Versatzstücken aus den Repertoires der Saison. Hier ein paar Säulchen, dort ein Palladio-Thermenfenster oder vielleicht das eine oder andere dekonstruktivistische Element.

Wandmalerei wird heute überwiegend dort eingesetzt, wo architektonische Häßlichkeiten verdeckt werden sollen, sozusagen als Nachsorgemaßnahme. Das sollten die Künstler durchaus begrüßen, denn da gibt es unendlich viel zu tun.

Der Gestaltung des Fahrstuhlturms in der Paracelsiusstraße 91 gingen u.a. folgende Überlegungen voraus:

  1. Der Turm hat zur Straße drei Seiten, folglich war eine Gestaltung nur der Stirnseite, auszuschließen, obwohl sie die größte Fläche hat. Von rechts oder links kommend sieht der Betrachter aber vor allem eine der beiden schmalen Seitenflächen. Und auch von den Laubengängen auf jeder Etage des Haus hat man eine sogar recht nahe Ansicht von jeweils einem Auschnitt der Seitenflächen.
  2. Der Turm ist rund 21 Meter hoch. Es musste eine Lösung gefunden werden, die aus allen Entfernungen überzeugend wirkt . Also aus dichtester Nähe, nämlich von den Laubengängen aus, als auch von der Straße aus.
  3. Eine solche Lösung konnte keine rein bildhafte sondern nur eine plastisch-dekorative sein. Der gesamte hässliche Betonklotz mußte durch Malerei umdefiniert werden.
  4. Man hätte ihm das Aussehen von einem gigantisch vergrößerten Gegenstand geben können, etwa einem Bleistift oder eine Kommode. Dies schien aber in einer reinen Wohngegend wenig angebracht. Es hätte wenig Aussicht bestanden, daß sich Bewohner und Anwohner damit anfreunden würden.

Mit der realisierten Lösung, eines renaissancehaften Treppenturms, der eine entfernte Ähnlichkeit mit der berühmten "scala del bovolo" in Venedig hat, konnte zum einen eine dekorative Gestaltung realisiert werden, die von allen denkbaren Distanzen aus, von einem der Laubengänge ebenso wie vom Parkdeck der benachbarten Klinik, überzeugen kann. Andererseits bot dieses Konzept auch inhaltlich ein Angebot zur Identifizierung durch Bewohner und Anwohner: Der Treppenturm zeigt jetzt von außen in ironisch-historisierender Weise, was in ihm täglich vorgeht.

Die Maltechnik wurde speziell für die vorgefundene Oberfläche entwickelt: Es war beabsichtigt, die vertikal strukturierte Betonoberfläche optisch zum Verschwinden zu bringen. Eine lebendige Farbstruktur, die den Eindruck einer Pastellzeichnung eines venezianisch-roten intonaco (Wandputz) erweckt, sollte dem ganzen Objekt eine gewisse Leichtigkeit geben. Hierzu wurde die sogenannte Wickeltechnik, eine traditionelle Wandmaltechnik, abgewandelt und damit auf einem monochromen Untergrund vier verschiedene Farbtöne übereinander gestempelt. Die perspektivischen Effekte der Scheinarchitektur mußten ebenfalls in Hinblick auf alle möglichen, sehr unterschiedlichen Betrachter-Standpunkte entwickelt werden. Hierfür kamen keine streng zentralperspektivischen Lösungen infrage, sondern nur solche, die auf wahrnehmungspsychologische Akzeptanz zielten. So wirken die Rundbögen von jeder Distanz aus „irgendwie" richtig, obwohl nach "realistischen" Kriterien alle Ansichten falsche Perspektiven zeigen. Durch die eingefügten Personen und Tierdarstellungen wurde diese Scheinarchitektur schließlich belebt.

Das Konzept dieser Arbeit sollte nicht nur der Aufgabe gerecht werden, unwirtliche Architektur nachträglich zu humanisieren. Es wollte auch die Funktion der Wandmalerei als Nachsorge-Kunst selber mit einem gewissen Schmunzeln reflektieren.

Hamburg, September 1991

Manuskript für einen Beitrag im Katalog "Velbert bekennt Farbe", Februar 1992,
der dort leicht redigiert und gekürzt wurde.