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Von Matthias Brandes

Vorwärts mit der Natur

Landschaft:Gebiet, dessen Erscheinungsbild (organische und anorganische Natur sowie die vom Menschen bewirkten Eingriffe) ein nur ihm eigentümlich. Gepräge hat. Diese Eigenart zu erfassen und Landschaftstypen aufzustellen, wurde Aufgabe der Landschaftskunde.
Natur-L.: das von der Hand des Menschen noch unberührte Land.
Kultur-L.: das vom Menschen zum Siedlungs-, Wirtschafts- und Verkehrsraum umgewandelte Land.

dtv-Lexikon

Der Augenblick des Heraustretens aus der Schattigkeit des Waldes, wenn das Auge durch das gleißende Gegenlicht geblendet wird. Atmosphärische Wechsel, Aufreißen von dichter Bewölkung oder rasche Verdunkelung eines mittäglichen Himmels, Schneereste auf Feldwegen, Brachland, Felsbrocken, undurchdringliches Gestrüpp, dunkle Waldbarrieren, karstige Bergmassive, schmelzendes Eis auf Waldbächen, heftig strömendes, eisiges Wasser, ja vor allem immer wieder Gewässer: Natur-Landschaft also oder zumindest, das, was zu ihr tendiert oder von ihr noch geblieben ist. Menschenleere Landschaften. Dort sein mit und allen Sinnen wahrnehmen, den feuchten Geruch des Waldbodens, das Knistern unserer Schritte, das leichte Jaulen des Windes in den Baumkronen, das Rauschen des Gebirgswassers, den kühlen Wind auf der Haut, vielleicht auch noch ausnahmsweise Vogelstimmen.

Die Landschaften von Heinrich Schilinzky zeigen weder ferne Gefilde exotischer Traumlandschaften noch arkadische Heiterkeit. Es handelt sich entweder um die Schilderung der ganz unspektakulären Landschaftlichkeit, die wir in unserer unmittelbaren Umgebung-immer noch, aber wie lange noch!- vorfinden oder aber um menschenleere, rauhe Natur wie wir sie vom Hochgebirge oder aus Teilen Norwegens kennen: gewaltige, unwirtliche Naturlandschaft.

Es ist die Landschaft gemeint, in der wir zwar leben möchten aber nicht leben können. Es ist - schwerzu akzeptieren - die uns feindliche Landschaft. Wir haben dort nichts zu suchen - auch wenn wir dort umso heftiger uns selbst suchen. Unsere Geschichte ist Geshichte der Überwindung von Natur-Landschaft, ihrer Umwandlung in Kultur-Landschaft. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, für dessen Existenz in der Natur keine Notwendigkeit besteht. Es gibt keinen Naturprozess, wie z.B. die Nahrungsketten, Symbiosen ecc. in welchem der Mensch einen Platz einnähme. Alles funktioniert bestens und besser ohne ihn. Er ist eigentlich überflüssig. "Der Mensch im Einklang mit der Natur" ist ein frommer Wunsch! Selbst der Amazonas-Indio ist ein Schmarotzer. Aber der generöse tropische Regenwald konnte sich ihn leisten. Doch der Schaden, den der Menschen in der Natur anrichtet, wächst überproportional zu seiner Anzahl, so daß die Topografie der Lanschaft in globalem Maßstab vor allem in den letzten 50 Jahren in einem Ausmaß verändert worden ist, das nur mit dem der Folgen großer Meteoriten-Einschläge verglichen werden kann. Da aber der Mensch ohne die Natur nicht leben kann, einen Natur-Körper hat, der im Gegensatz zu den von ihm geschaffenen Maschinen mit der Natur durch einen höchst komplexen Stoffwechsel verbunden ist, muß er letztlich die Natur-Schädingung als Schädigung seines eigenen Körpers erleben. Es ist jetzt soweit gekommen, daß wir durch die von uns verursachte Veränderung der Atmosphäre uns vor den Sonnenstrahlen fürchten müssen.

Aber es gibt kein "Zurück zur Natur", allenfalls ein "Vorwärts mit der Natur", was eine durchaus ambivalente Formulierung ist. Man muß sich ja um die Natur an und für sich keine Sorgen machen. Sie ist eine Variante kosmologischer Prozesse, ist innerhalb dieser entstanden und wird durch diese auch wieder vollständig zerstört werden. Die gesamte Menschheitsgeschichte samt ihrer Zukunft ist dabei nur eine winzige, nichtige Episode. Insofern muß man nicht bange sein, daß die Natur mit dem Problem Mensch schon von alleine fertig werden wird. Die sich häufenden "Naturkatastrophen" sind nur ein kleiner Vorgeschmack und in Wirklichkeit "Kulturkatastrophen", denn ihre Ursache liegt in den Fehlern der Zivilsation und nicht in denen der Natur. "Vorwärts mit der Natur" kann also durchaus als sarkastische Formulierung angesehen werden, die das reale Kräfteverhältnis zum Ausdruck bringt.

"Vorwärts mit der Natur" kann aber auch als Programm angesehen werden: Der Mensch soll seine Aktivitäten auf das Bewußtsein seines komplexen Stoffwechsels mit der Natur aufbauen. Er wird weiterhin Kultur-Landschaften schaffen, aber für ihn selbst gesündere. Er wird eine bestimmte Anteil von Natur-Landschaften erhalten oder sich neu bilden lassen, weil andernfalls seine Kult-Landschaften nicht lebensfähig sein werden.

Warum ein so emotionsloser Diskurs über Landschaft und Natur angesichts einer Landschaftsmalerei, die in uns starke Gefühle auslöst? Diese Gefühle entstehen gerade aus der mehr oder weniger bewußten Anerkennung, daß wir von dieser Landschaft unüberwindbar getrennt sind. Sie symbolisiert die Natur, aus der wir stammen aber durch eine misteriöse Wendung des Naturgeschehens getrennt wurden in dem Augenblick - der warscheinlich ein paar zehntausend Jahre gedauert hat - als wir Bewußtsein erlangten. Im Paradies war der Mensch noch nicht Mensch. und mit dem Menschen kann es kein Paradies geben. Also bleibt uns diese Sehnsucht nach unberührter Natur, die immer Überwindung unseres Menschseins beiinhaltet und dadurch unstillbar ist. Wir helfen uns durch tätige Resignation: das Pflegen von Zimmerpflanzen oder Schrebergärten, der Wochendausflug in den Wald, der Urlaub in den Bergen und, ja das wäre schön, ein wie auch immer geartetes Engagement für eine der Natur gegenüber respektvollere Zivilisation. Damit verbunden vielleicht die Beschäftigung mit Landschaftsmalerei.

Bezeichnenderweise ist sie eine der - historisch gesehen - jüngsten Gattungen der Malerei. Sie entstand parallel zu den immer radikaleren Veränderungen der Lanschaft durch die moderne Gesellschaft. Als Beschäftigung mit konkreter Landschaft im Gegensatz zu den idealen oder heroischen Lanschaftshintergründen, die wir schon von den antiken Fresken kennen, ist sie von Außnahmen abgesehen erst bei den Niederländern der Rembrandt-Zeit zu einer selbstständigen Kunstform geworden, die dann in der Folgezeit, parallel zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert, eine eigene, sich verzweigende Tradition gründete.

Schilinzky, den wir hier in dieser Galerie vor allem als unermüdlichen Erfinder von bildnerischen Mataphern für unsere gesellschaftlichen Befindlichkeiten, als intellektuellen, zeitkritischen Maler kennengelernt hatten, ich verweise auf die beiden vorhergehenden Ausstellungen und Kataloge- präsentiert sich jetzt überwiegend mit einem Genre, das bisher eigentlich Domäne der reinen Sensualisten ist, der Maler also, die konzeptionelle und nicht unmittelbar sichtbare Sujets von ihrer Kunst ausschließen. Schlilinzkys Landschaften sind kein Anlass für ein rein artistisches Problem, sozusagen Vorwand für "reine Malerei" nach dem Motto "von der Natur zur Abstraktion" oder wie auch immer diese langweiligen und sterilen Konzepte pseudomoderner Maler heißen mögen. Seine Landschaftsbilder gehen entschieden vom Primat unmittelbarer Naturerfahrung aus, ohne irgendwelche formal-stilistischen oder inhaltlich-intellektuellen Brechnungen oder Berechnungen. Schilinzky beschäftigt sich hier antithetisch zu seinem metaphorischen, Gesellschaft reflektierendem Werk mit dem vor-gesellschaftlichen Aspekt der Landschaft. Seine Motive schließen Mensch und Gesellschaft aus. Es ist die Zelebration der Natur-Landschaft ohne den Menschen.

Und so haben wir es "natürlich" wieder mit typischen Schilinzky-Bildern zu tun, die nicht nur ein sinnliches Vergnügen bereiten - überflüssig, weil zu evident, über seine außerordentliche Bravour zu sprechen-, sondern immer von einer Aura des Rätselhaften und gedanklich Widersprüchlichen und Unauflöslichen umgeben sind gerade da, wo wir es nicht vermutet hätten.

Es kommt aber in diesen Landschaften auch eine programmatische Haltung zur Malerei zum Ausdruck: Die Frische und Unbefangenheit eines Malers, der alles ausprobieren will, sich an allem messen will, immer neue Herausforderung sucht, jede stilistische oder programmatische Einengung ablehnt. Schilinzky gibt sich malerisch seinem Sujet völlig hin. Sozusagen als Akt des Atemholens, der künstlerischen Regeneration und des unbelasteten Malertums. So betreibt er die Malerei nicht als Spezialisten-Tätigkeit in irgendeiner kommoden Nische, oder oben auf irgendeiner Mode-Welle, sondern als universale Beschäftigung mit allem, was ihm im Leben wichtig erscheint. Das kann ein Nachdenken über den Holocaust wie die Erinnerung eines Waldspaziergangs sein.

Katalogtext anlässlich der Ausstellung von Heinrich Schilinzky in der Galerie Rose, Oktober 1996