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Von Matthias Brandes

Venedig - Das schöne Gegenstück zur Welt

Pittoresk ist das, was gute Maler nie malen würden. Venedig ist ohne Zweifel der Inbegriff des Pittoresken, und ein venezianischer Maler des 18. lahrhunderts hat jene Gattung der Malerei begründet, die ausschlielßlich für den Tourismus handliche Formate produziert und über deren heutige Vertreter der Venedigtourist geradezu stolpern muß. Doch Im Gegensatz zu ihrem Urahn, der Francesco Guardi hieß und nicht untalentiert war, schauen diese nicht einmal mehr hin, wenn sie in atemberaubender Geschwindigkeit die Rialto-Brücke zwei Kilometer davon enfernt in einer engen Gasse des Bahnhofsviertels mit Pitt-Kreide aufs Papier zaubern. Die wirklichen Erben der Guardi sind jedoch die Postkartenhersteller. Das Verblüffende ist nur, daß ihre Produkte im Fall Venedigs ausnahmsweise von der Wirklichkeit übenroffen werden.

Aber Venedig ist nicht Rothenburg-ob-der-Tauber, ist nicht aufpolierte Kulisse des seven-days-europe-trip der amerikanischen Kleinbürger, oder besser, es ist dies nicht allein. Das was Venedig so pittoresk macht, ist auf den zweiten Blick beklemmend real. Es ist die Tatsache daß Venedig noch nicht tot ist.

Doch Venedigs Verfall, den der internationale Tourismus seit über 300 Jahren goutiert, hat eine dramatische Aktualität bekommen. Die Zukunft der Lagunenstadt ist keine museale oder restauratorische Frage mehr, sie ist beispielhaft mit den Überlebensfragen der industrialisierten Gesellschaften verknüpft: Wenn irgendwo auf engstem Raum die katastrophalen Auswirkungen einer zügellosen industriellen Ökonomie auf Ökologie, Urbanistik und soziales Gefüge ihres Standorts demonstriert werden kann, so in Venedig und seiner Lagune.

Venedig oder besser das alte Venetien hat in seiner 1500-jährigen Geschichte immer wieder erfolgreich versucht, Ökonomie und die daraus erwachsenden politisch-militärischen Erfordernisse mit der Ökologie der Lagune abzustimmen.

Letztere ist dabei nie eine feste Größe gewesen, sondern ein höchst artifizielles Gebilde. Gefahr drohte zunächst vom Festland. "Venedig entstand, als sich viele Leute auf einige Inseln an der Spitze des Adriatischen Meeres geflüchtet hatten, um den ewigen Kriegen zu entgehen, die in Italien nach Untergang des römischen Reiches durch die fortwährenden Barbareneinfä]le ausbrachen" berichtet Macchiavelli. Später scheiterte im Labyrinth der Kanäle und Untiefen Pippin der Kurze mit einer Armee. Aber auch die oströmischen Kaiser hatten wenig Zugriff auf die eigene Provinz, so daß die Venezianer 812 den damaligen Ost-West-Konflikt zwischen Aachen und Konstantinopel durch eine diplomatische Meisterleistüng für sich ausnutzen konnten. Karl der Große gestattete Venedig den Handel auf dem europäischen Festland bei gleichzeitigem Verbleib unter byzanthinischer Oberhoheit. Diese war jedoch zu schwach, um Venedigs ökonomischen und politisch-militärischen Aufstieg zu behindern und endete folglich mit der Froberung Konstantinopels durch ein Kreuzfahrerheer unter venezianischer Führung im Jahre 1204.

Knapp 180 Jahre später versuchten die Erzrivalen aus Genua vergeblich, Venedig zu erobern. Sie scheiterten an der Unzugänglichkeit der Lagune.

Die Lagune war Wohnort, Arbeitsplatz, Nahrungsquelle (Fischerei und Salzproduktion) und militärische Schutzanlage zugleich. Um diese Multifunktionalität aufrechtzuerhalten und auszubauen haben die Venezianer ganze Flüsse umgeleitet (Gefahr der Versandung) wie den Brenta im Jahr 1142, Kanäle gegraben, Deiche gebaut und noch kurz vor ihrem politischen Ende im Jahre 1791 gewaltige Wellenbrecher vor dem Lido konstruiert.

Erst 1797 gelang es den napoleonischen Truppen ohne Abgabe eines Kanonenschusses die ehemalige "Königin des Mittelmeeres" zu besetzen. Das war das Ende der adligen Kaufmannsrepublik.

Bereits 300 Jahre zuvor war der Abstieg Venedigs eingeleitet worden. Amerika war entdeckt, und Vasco da Gama hatte von seiner zweiten Schiffsreise um Afrika herum nach Indien 5oo Körbe Pfeffer nach Lissabon gebracht. Die europäischen Pfefferpreise purzelten auf ein Fünftel dessen, was bei noch so knapper Kalkulation der über den Landweg nach Alexandria und von dort auf dem Seeweg nach Venedig gebrachte Pfeffer auf dem Markt von Rialto kosten mußte. Und Pfeffer war ein venezianischer Hauptartikel. (Damals planten einige Venezianer sogar den Bau eines Suezkanals, um das Pfeffermonopol wiederzuerlangen). Gleichzeitig wuchs die "Gefahr aus dem Osten". Die Türken eroberten Konstantinopel und nach und nach die wichtigsten venezianischen Kolonien im östlichen Mittelmeer. Der venezianische Adel investierte zunehmend in seine Landgüter auf dem Festland. Aber auch dort wurde seine Macht von den Interessen der entstehenden europäischen Nationalstaaten eingegrenzt. Die Weitmacht Venedig wurde zur lokalen Größe und hatte 300 Jahre Zeit, den eigenen Abgang von der Weltgeschichte prunkvoll auszugestalten. Der Reichtum einiger Adelsfamilien war immer noch groß genug, um all das zu finanzieren, was bis heute Grundlage des kulturellen Ruhms geblieben ist.

Die Prachtentfaltung Venedigs seit dem 16. Jahrhundert ist überwiegend eine Ästhetik des Niedergangs. Die Gestaltung der spätromanischen, veneto-byzanthinischen und gotischen Paläste folgte noch ihrer Funktion als Handels-, Lager- und Wohnhaus zugleich. In ihrem Mittelpunkt stand die ebenerdige große Waren- und Lagerhalle, darüber befand sich das repräsentative “piano nobile” und darüber schließlich die verschiedenen Gemächer der Mitarbeiter, Diener und Sklaven. Mit Beginn der Renaissance beginnt jedoch die Repräsentation zu überwiegen und nach und nach alle anderen Funktionen des Kaufnnannshauses zu verdrängen. Der Palast wird Ballhaus und die Fassade Kulisse. Die Stadt selber beginnt ihre Funktionen zu entmischen, es entsteht ein soziales Gefälle zu den Rändern hin.

Die führende Klasse des Kaufmannsadels wird zum Geldadel, eine neue aufsteigende bürgerlich-kapitalistische Klasse bleibt aber vollständig unter deren kultureller und politischer Hegemonie. 1687 erkauft sich die Familie Rezzonico für 100 000 Dukaten das Adelspatent: Das war ein Drittel vom damaligen Jahreshaushalt des venezianischen Staates. Man gewöhnt sich an immer mehr Niederlagen und glorifiziert seine Scheinerfolge. Der Markus-Löwe, einst grimmiges Wappentier, hat seine Zähne verloren. Man investiert das verbliebene Geld (einige verdienen natürlich noch weiterhin ganz gut) in die Schönen Künste, Musik, rauschende Feste, Galanterien und die ländlichen Villen. Es entsteht der Karneval. Im 18. Jahrhundert dauert er ein halbes lahr. Die Maske wurde zum Symbol der Lebenshaltung einer Stadt, die nur noch von der Vergangenheit lebt, von den eigenen Legenden, die sie ausschmückt und zelebriert. Das politische System ist sklerotische die ehemals sinnvoll ausgeklügelten politischen Regeln erstarren zu Ritualen, und ein absurder Unterdrückungsspparat mit einer übermächtigen Geheimpolizei sucht den überkommenen und verkommenen Zustand vor allen Neuerungen und Veränderungen zu schützen.

Das ist das Zeitalter des Casanova, Denunziant und Dandy, der jedoch ebenso emigrieren mußte wie Carlo Goldoni, der Schöpfer eines realistischen Volkstheaters. Und natürlich, wie bereits erwähnt, ist es die Zeit des Canaletto und des Guardi, die mit Hilfe einer handlichen Camera oscura Stadtveduten für die englischen Touristen produzierten. Eine simple Drohgebärde Napoleons beendete diesen ganzen Zauber von Konservativismus, Kurtisanen und Karneval. Übrigens fiel dann doch ein Kanonenschuß. Er galt dem einfachen Volk, welches gegen die kampflose Übergabe demonstrierte, und war der letzte Amtsakt des Dogen vor seiner Unterwerfung. Seitdem ringt Venedig um eine neue Identität. Die Franzosen überließen es den Österreichern. Diese hatten den Ehrgeiz, es in eine "normale" Stadt zu verwandeln. Sie schütteten einige Kanäie zu um breite Straßen zu schaffen, führten die heute noch beliebten Caféhäuser ein und bauten vor allem eine Eisenbahnbrücke, über die man noch heute mit dem Zug nach Venedig fährt. 1866 werden die Venezianer Italiener und endgültig sind damit alle Voraussetzungen der ehemaligen Größe verloren. Die „Meereskönigin" wird vollständig vom Festland abhängig. Als Hafenstadt hat sie bereits unter den Österreichern gegenüber Triest Standortnachteile. Für das neue Italien wurde die Urrivalin Genua mit ihrer Nähe zu Mailand und Turin, den neuen Industriezentren, wichtiger. Zwar gab es auch in Venedig imponierende Anstrengungen einer modernen Industrialisierung. Ein moderner Hafen am Giudecca-Kanal und die Stukky-Mühle, damals Europas größte Getreidemühle, deren imposante Ruine heute alle Bauten der Giudecca-lnsel überragt [und teilweise durch Brandstiftung im Jahr 2003 zerstört wurde. (nachträgliche Anmerkung)], zeugen davon. Aber die Versuche scheiterten. Der Standort Venedig hatte zu viele Nachteile und konsequenterweise konzentrierten sich alle weiteren Aktivitäten auf das umliegende Festland. Dort in Marghera und Mestre gab es genügend Land für gigantische Industrieansiedlungen und billige Arbeitersiedlungen. Und es gab keinerlei kulturelle und politische Widerstände für hemmungslose Bodenspekulation, urbanen Wildwuchs und rücksichtslose Umweltzerstörung. Im 20. Jahrhundert hat das eigentliche Venedig, bis heute Sitz von regionaler und lokaler Administration, die Kontrolle über das verloren, was ursprünglich nur sein kleiner Brückenkopf auf dem Festland gewesen war: Die Investoren kamen aus Mailand und Turin. Heute hat Venedig ca. 90 000 Einwohner mit einer auf den Kopf gestellten demographischen Pyramide. Mestre/Marghera dagegen zählt ca. 250 000 Einwohner.

1966, am 4. November, erlitt das historische Zentrum von Venedig die größte Flutkatastrophe seiner Geschichte. Die erste urkundlich belegte Überschwemmung ereignete sich im Jahre 1240. Die venezianische Geschichte ist gut dokumentiert: 1442, 1550, 1825 ereignen sich weitere Sturmfluten. Seit 1917 geschieht das fast jahrlich, mittlerweile mehrfach im Jahr. 1973 wurden deshalb die artesischen Tiefenbrunnen geschlossen die ein Absinken des Terrains bewirkt hatten.

Doch weitere, offenkundige Ursachen wurden nicht behoben. Die drei Lagunenöffnungen zum Meer sind inzwischen zu stark vergrößert worden. Ausgedehnte Fischfanggebiete wurden eingedeicht aber vor allem begann man 1963 einen schnurgeraden, 15 Meter tiefen Kanal quer durch die Lagune zu graben, der Marghera mit dem Meer verbinden und somit den Verkehr von Supertankern ermöglichen sollte. Merkwürdig, daß keiner an Pipelines und ein Tankerterminal vor der Küste gedacht hatte. So zumindest grub man gleichzeitig das Material aus der Lagune, mit dem ein neues Industriegebiet aufgeschüttet und damit die Lagune weiter verkleinert wurde. Sofort nach Beendigung des Kanals ereignete sich die historische Katastrophe. Zwei aufeinanderfolgende Sturmfluten pumpten die Lagune voll Wasser, ohne daß dieses sich ausdehnen oder abfließen konnte.

Seitdem wird eine Zickzack-Politik verfolgt: eine 3. Industriezone ist gestoppt, eine Petrol-Crack-Anlage dagegen genehmigt worden, 400 Milliarden Lire sind 1973 für die Rettung und Entwicklung genehmigt worden, doch 12 Jahre lang diente dieses Geld für sporadische Stützungen der Lira auf dem Devisenmarkt. 1984 wären diese Gelder beinahe verfallen. Man hat sie buchstäblich in letzter Minute aufgestockt, aber die Herausdrängung der Kommunisten aus der Stadtregierung, obwohl stärkste Partei, läßt nichts Gutes ahnen. Man plant immerhin automatische Sturmflutschleusen an den Lagunenöffnungen. Man spricht über Wohnungssanierungens über eine Wiederbelebung des Werftgeländes, des Arsenals, etc. Man plant viel, verspricht viel, aber die Kompetenzen sind kompliziert, die Interessen gegensätzlich und vor allem stehen Milliardenprofite auf dem Spiel. Mestre/Marghera ist inzwischen ein ökonomisches und soziales Krisengebiet, aber die vollautomatisierten Betriebe der Montedison und Montecatini sollen weiter florieren.

Die Rettung Venedigs ist eine Frage seiner zukünftigen Identität. Eine Zukunftsplanung muß "in der Stadt selber ihre Motivation finden", wie D. Crivellari, ehemaliger Assessor für Kultur in der linken Stadtregierung schreibt. Venedig kann weder als Museum noch als Fest- und Festivalstadt überleben. Der Hafen spielt immer noch eine wichtige Rolle. Venedig braucht zudem Arbeitsplätze in Handwerk, Kunsthandwerk, mittelständischer Industrie, um eine junge, arbeitskräftige und qualifizierte Generation heranzuziehen. Venedig braucht gesunde Wohnungen und neue Infrastrukturen. Es gibt z. B kein öffentliches Schwimmbad und kaum Grünanlagen. Venedig braucht ein neues Verkehrssystem, denn der Wellenschlag der unzähligen Motorboote und Vaporetti zerstört seine Fundamente. Es existieren sogar Pläne für eine U-Bahn.

Das Pittoreske an Venedig ist auch sein Fluch. Doch die Begeisterung, fürs Pittoreske hat ihre Ursache in Häßlichkeit und Unwirtlichkeit unserer Städte. Venedig ist heute bereits Laboratorium modernster urbanistischer, ökonomischer, physika!ischer und humaner Wissenschaften.

Rilke bezeichnete die Stadt als , das schöne Gegenstück zur Welt. Man sollte es als Anspruch sehen, der ganz unromantisch eingelöst werden könnte, fände Venedig zu einer neuen Identität. Das Pittoreske wurde dann zum real Schönen.

Aus: Illustrierte Volkszeitung, 51./52. Woche20. Dez. 1985, Heft 4

Nachbemerkung: Ich habe den Text vor 20 Jahren geschrieben. Er ist eine Kurzfassung einer 1 stündigen Radiosendung, die von Radio Bremen gesendet wurde. Viel Wasser ist inzwischen in die Lagune ein- und ausgeströmt. Das historische Operhaus La Fenice ist durch Brandstiftung zerstört und dann nach 6 Jahren Bauzeit wieder in alter Pracht neuaufgebaut worden. Das Grossprojekt Mosé, dh. mobile Barrieren in den Lagunenöffnungen, die bei extremen Hochwassern die Lagune schliessen, wird in den nächsten Jahren verwirklicht werden. Die Einwohnerzahl der Stadt sinkt ständig. Jetzt wird von den Touristen, die in Reisebusse ankommen, ein Eintrittsgeld verlangt. Die Probleme von Venedigs Identität dagegen bleiben weiter ungelöst.

Februar 2004