Texte

Matthias Brandes

Raum und Zeit in der Malerei

Jedes Kind weiß, daß Bilder zweidimensional sind. Sie organisieren statisch visuelle Sinneseindrücke auf einer definierten Fläche. Dennoch sprechen wir von einem Bildraum. Ja, in der unterschiedlichen Art, mit zweidimensionalen Mitteln eine räumliche Vorstellung zu erzeugen, zeigen sich die grundlegendsten Einstellungen der Maler zur Welt. Der Bildraum ist stets eine Metapher für ihr Verhältnis zur Welt. So können homogene und heterogene, illusionistische und antiillusionistische, überwiegende durch Farben oder durch Formen erzeugte, hierarchisch oder egalitär strukturierte Bildräume innerhalb der vier Leisten eines Bildes erzeugt werden. So macht es z.B. einen Unterschied, ob etwa in einem Bild das Oben deutlich vom Unten unterschieden ist oder aber nicht oder ob eine Figur innerhalb des Bildraum integriert oder isoliert erscheint, oder ob ein Bildraum überhaupt vorhanden ist.

Der Bildraum ist eines der der Grundprobleme der Malerei überhaupt und es ist endgültig nicht lösbar, sondern ist ihr konstituierender, inhärenter Widerspruch, dessen jeweils konkrete Lösung im einzelnen Bild überhaupt erst Bedeutung ermöglicht. Die Kunst der "Moderne" ist als Versuch zu betrachten, das Problem dadurch zu lösen, das man sich für die eine oder die andere Seite entscheidet, das heißt entweder für die reine Fläche, die Betonung der raumlosen Zweidimensionalität, oder die Überführung ins Dreidimensionale, etwa dadurch, daß das Bild Objektcharakter bekommt oder in die Bildfläche plastische Elemente integriert werden. In unserem Jahrhundert wird in der Überwindung des Bildraums geradezu ein Signum der Modernität und der künstlerischen Kreativität gesehen. Das Problem wird aber dadurch nicht gelöst, sondern allenfalls verschoben. Nun muß zum raumlosen Kunstwerk ein Raum der Kunstbetrachtung geschaffen werden. Das ist an erster Stelle das Museum. Aber die Konsequenz ist die Ablösung des Kunstwerks als einzelnes Bild oder Objekt und die Schaffung von Kunstwerken, die Räume definieren und strukturieren. Diese Werke nennt man "Installationen". Schon eine kleine Ausstellung von ganz traditionellen Bildern in einem Raum ist eine Installation. Der Betrachter konzentriert sich nicht mehr auf eine einzelnes Werk sondern auf eine Serie. Noch vor 100 Jahren wurden in Kunstausstellungen die Bilder wandbedeckend dicht an dicht gehängt. Heutzutage ist das Hängen von Ausstellungen selbst ein künstlerischer Akt. Zeitgemäße Künstler produzieren ihre Werke konsequenterweise in Hinblick auf diese spätere raumgestaltende Funktion. Oder aber sie gestalten nur noch Räume.

Als sich die Bilder in der Renaissance von den Wänden lösten begann die Geschichte ihrer ihrer Ungebundenheit von Zeit und Raum, der durch ihre Einbindung in die Architektur immer vorgegeben war. 500 Jahre lang wurden diese heimatlosen Gesellen produziert und sie konnten sich dennoch behaupten, weil sie innerhalb ihrer eigenen vier Leisten eine eigene raumzeitliche Dimension entfalteten , egal, wo man sie hinhängte. Als sie diese Dimension verloren, nur noch Fläche waren oder nur noch Objekt, brauchten sie wieder Architektur, um zu überleben.