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Matthias Brandes

Perpektive in der Wandmalerei

Es gibt in der Wandmalerei nicht einen Standpunkt des Betrachters, auf den die gesamte Fläche bezogen ist (wie in der Tafelbildmalerei, wo es einen einzigen richtigen Standpunkt gibt, ja wo man dem Betrachter möglichst einen Sitzplatz zuweisen möchten, von dem aus er in Ruhe das Bild betrachten kann) sondern ein oder mehrere Felder, in den sich der Betrachter bewegt, während er das Wandbild betrachten kann. Deswegen sind alle zentralperspektivischen Kompositionen unbrauchbar. Räumliche Wirkungen und insbesondere illusionistische Effekte, "trompe-l'oeil", Scheinarchitekturen lassen sich nur durch eine "Wahrscheinlichkeitsperspektive" und farbige Warm-Kalt-Kontraste erreichen. Der Wandmaler muß zwischenden sehr unterschiedlichen Standpunkten vermitteln und eine Ansicht finden, die wahrnehmungspsychologisch statt mathematisch-geometrisch aufgebaut ist. Es geht immer darum, eine größtmögliche Glaubwürdigkeit zu erreichen.

Es gibt nie eine vollständige Illusion, auch wenn diese bei Darstellungen von flachen Reliefs (zB. bei Deckenkassettierungen, Pilastern und anderen Wanddekorationen) nahezu erreicht werden kann. Der Reiz des Illusionismus liegt m.E. in der ironischen Brechnung des Genres. Der Betrachter wird zugleich getäuscht und aufgeklärt. Mit anderen Worten, er weiß, dies ist eine Illusion und genießt es, sie zu durchschauen. Je kunstvoller und intelligenter der Maler vorgegangen ist, desto größer ist die Freude des Betrachters. Sind die Augentäuschungen dagegen plump und mißraten, entsteht auch keinerlei visuelles Vergnügen. Doch darf räumliche Wirkung letztlich ihr Geheimnis nicht vollständig, das heißt nur dem wirklichen Experten, preisgeben. Es ist so ähnlich wie bei der Zauberei: Alle wissen, es muß mit rechten Dingen zugehen, weil es keine Wunder gibt, aber den genauen Trick kennen nur einige Eigeweihte.