Texte

Matthias Brandes

Kollektivrezeption

"Es liegt eben so, daß die Malerei nicht imstande ist, den Gegenstand einer simultanen Kollektivrezeption darzubieten, wie es von jeher für die Architektur, wie es einst für das Epos zutraf, wie es heute auf den Film zutrifft. Und so wenig aus diesem Umstand von Haus aus Schlüsse auf die gesellschaftliche Rolle der Malerei zu ziehen sind, so fällt er doch in dem Augenblick als eine schwere Beeinträchtigung ins Gewicht, wo die Malerei wider ihre Natur mit den Massen unmittelbar konfrontiert wird. In den Kirchen und Klöstern des Mittelalters und an den Fürstenhöfen bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts fand die Kollektivrezeption von Gemälden nicht simultan, sondern vielfach gestuft und hierarchisch vermittelt statt. Wenn das anders geworden ist, so kommt darin der besondere Konflikt zum Ausdruck, in welchen die Malerei durch die technische Reproduzierbarkeit des Bildes verstrickt worden ist. Aber ob man auch unternahm, sie in Galerien und in Salons vor die Massen zu führen, so gab es doch keinen Weg, auf welchem die Massen in solcher Rezeption sich selbst hätten organisieren und kontrollieren können. So muß eben dasselbe Publikum, das vor einem Groteskfilm fortschrittlich reagiert, vor dem Surrealismus zu einem rückständigen werden"

Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Mosaiken der Kathedrale von Torcello auf die Besucher des 9. Jahrhunderts gewirkt haben mögen. Der gleißende Schimmer des Goldgrundes, die hierarchische Darstellung des jüngsten Gerichts. Wurde diese Kunst aufmerksamer betrachtet, wirkte sie stärker auf den Betrachter als heute? Gab es ein kollektives Erleben dieser Kunst? Hat jemand den Betrachtern diese Kunst erklärt? Waren sie kompetente Betrachter im Sinne Bejamins, im Sinne des Publikums, das einen Groteskfilm betrachtet? Wir können nur Vermutungen anstellen.

Aber es ist vorstellbar, daß diese Bilder für die Menschen eine besondere Bedeutung gehabt haben, einfach deswegen, weil es in ihrem alltäglichen Leben Bilder eben nur in der Kirche zu besichtigen gab. Heute bevorzugen wir weissgetünchte Kirchen, Orte der absoluten Stille, der Bildlosigkeit, eben weil unserer Alltag mit Bildern bombadiert wird. Vielleicht haben die Kirchenbesucher des 9. Jahhunderts diese Bilder angeschaut wie es heute fast nur noch die Kinder können, die, ein Detail nach dem andern betrachtend, sich in Bildern verlieren können und dies auch dann noch, wenn sie das Bild genau kennen. Vermutlich war die Sprache dieser Bilder den meisten Betrachtern verständlich. Aber vielleicht noch entscheidender ist, daß diese Betrachtung an einen Ort und an bestimmte Zeiten gebundene kollektive Erlebnisse waren. Und schließlich: die Bildbetrachtung erfolgte immer nur begleitend zu einem anderen Ereignis, also nicht um ihrer selbst willen sondern einer höheren Aufgabe untergeordnet. Die Existenz der Bilder, das heißt ihre Herstellung und ihre Rezeption war ideell mit dem religiösen Kult verknüpft und materiell mit der Architektur verbunden. Es gab also eine doppelte Abhängigkeit, eine funktionale Einbindung. Die Befreiung der Malerei von dieser Abhängigkeit, die mit der Renaissance begann und die mit dem Entstehen des von der Architektur und der Religion unabhängigen Tafelbildes gekennzeichnet ist, trägt in sich den Keim ihrer erst späteren manifesten Krise.