Texte

Matthias Brandes

Farbensymphonie

Ein Kunstwerk kann keinesfalls eine Farben-Symphonie sein, weil ihm die zeitliche Dimension mangelt. Allenfalls kann es einem Klang entsprechen. Aber durch einen einzigen Klang entsteht auch keine Musik (siehe auch John Berger, Kunst und Zeit).

"Musik ist mehr als eine gegebene Anordnung von Tönen. Das Thema hat ein Schicksal. Es erfährt eine Reihe von Veränderungen und Abenteuern und kehrt triumphierend und bereichert wieder, nachdem es die verschiedensten Tonarten und Rhythmen durchlaufen hat. Die Dimension der Zeit fehlt selbstverständlich der Malerei. Man sollte daher, genaugenommen, ihre Kombination von Farben und Formen nicht mit einer Symphonie, sondern mit einem Akkord vergleichen. Es gibt in der Musik aufregende und uninteressante Akkorde; Akkorde, die wie Fingerübungen klingen, die ein Kind auf dem Piano klimpert, und faszinierende Kombinationen von Tönen, die durch eine farbige und geistreiche Orchestrierung noch hinreißender werden. Aber wie gut kann ein Akkord für sich allein sein? Selbst der lakonische Anton Webern begnügte sich in seinen musikalischen Meditationen niemals mit einer einzigen gleichzeitig angespielten Gruppe von Tönen - und das ist schließlich alles, was uns der Maler innerhalb der vier Leisten seines Rahmen zeigen kann."

Ernst H. Gombrich, Die abstrakte Malerei als Modebewegung, in:
Meditationen über ein Steckenpferd, 1. Auflage, Frankfurt/Main 1978, S.260