Texte

Matthias Brandes

Balthus und Rothko

Ich habe kurz hintereinander die großen Ausstellungen von Balthus in Venedig und die von Rothko in Basel gesehen. Ich weiss nicht, welche der beiden Ausstellungen mich mehr fasziniert hat. Beide Maler arbeiten an einem Abgrund: Balthus an dem des konservativen Kitsch, Rothko an dem der modernistisch dekorativen Unverbindlichkeit. Aber das macht ihre Arbeit so spannend. Wer einen Gipfel besteigen will, darf die Abgründe nicht fürchten. Ist aber ein Gipfel ersteinmal erklommen, werden sofort von anderen die Pfade befestigt, Geländer und allerlei Sicherheits-Vorkehrungen eingebaut, Wegweiser angebracht usw., damit zukünftige Bergsteiger es leichter haben. Und schliesslich wird vielleicht sogar eine Seilbahn installiert.

Sehr viele, durchaus erfolgreiche Maler, so habe ich den Eindruck, benutzen Sessellifte um zu ihren Höhepunkten zu kommen.

Aber gibt es überhaupt noch unerklommene Gipfel? Will ich nüchtern meinen eigenen Weg beschreiben, dann muss ich sagen: ich besteige meine Berge immer noch zu Fuß; beschreite uralte, kaum noch benutzte Bergpfade; auch wenn ich weiss, daß vorher auf diesem Weg schon andere gegangen sind, bleibt doch die Gefahr des Absturzes. Und immer noch gibt es etwas Neues zu entdecken.