Texte

Matthias Brandes

Autismus in der Kunst

Die Frage ob ein Werk als gelungen betrachtet werden kannt hängt damit zusammen, ob es als Lösung einer Aufgabe, die uns lösenswert erscheint, betrachtet werden kann. Es befriedigt also weder das Nichtvorhandensein einer relevanten Aufgabe, noch das Vorhandensein einer irrelevanten Aufgabe. Und noch weniger kann uns eine ungelöste Aufgabe überzeugen, so wichtig sie auch erscheinen mag. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, zu einer künstlerischen Leistung gehören immer zweierlei: das Finden von auch für andere Menschen als wichtig zu wertende Aufgaben und deren überzeugende Lösungen. Das gilt - fast - für alle anderen menschlichen Tätigkeiten.

In der Malerei unserer Tage fällt die große Anzahl von Werken ins Auge, die weder relevante Aufgaben noch irgendwelche Lösungen bieten. Wir bekommen allenfalls Behauptungen zu sehen, Manifestationen von Subjektivität, die sich jeder Bewertung und damit jeder Bezugnahme auf andere Subjekte entziehen Wenn aber das Stellen von Aufgaben, die andere Menschen als wichtig empfinden, und das Finden von Lösungen, die andere Menschen überzeugen, die Anbindungspunkte, Nahtstellen von individueller Kunstbemühung und gesellschaftlichen Bedürfnissen bezeichnet, dann scheint sich die bildende Kunst besonders dafür zu eignen, diese Anbindung an gesellschaftliche Diskurse zu durchtrennen Subjektiven Bemühen scheint nur dann als relevant betrachtet zu werden, wenn es sich objektiven Kriterien verzeigert.

Dennoch wird aber auf einer Verbindung zur eben der Instanz, der man sich durch sein Werk zu entziehen versucht, nicht verzichtet. Im Gegenteil, gerade das Kunstwerk als Manifestation von losgelöster Subjektivität erheischt gesellschaftliche Anerkennung. Ja, es scheint, das gerade in dieser Verweigerung aller Objektivität nunmehr ein verbindliches Qualitätsmerkmal postuliert und auf allen Ebenen des Kunstbetriebs auch durchgesetzt worden ist. In letzter Konsequenz führt das zur Paradoxie, daß nur noch der Autist befähigt ist, eine Kunst hervorzubringen, der Allgemeingültigkeit zugeschrieben werden kann.

Damit wird aber indirekt doch wiederum die Kategorie der Lösung als für das Kunstwerk notwenig anerkannt. Nur wird sie nicht mehr auf eine dem Werk immanente Aufgabe bezogen sondern auf das Künstlersein selbst. Das autistische Künstlersein ist die Lösung einer Aufgabe, die ihrer Natur nach eine Aporie darstellt: Ausdruck einer gesellschaftlichen Befindlichkeit zu sein, indem es sich außerhalb der Gesellschaft stellt, Kommunikation durch Kommunikationsverweigerung, Sinngebung durch Formulierung des Sinnlosen, usw. Die autistische Lösung ist aber nur durch negative Bestimmung dingfest zu machen, sie wird dadurch erkennbar und beurteilbar, daß sie eben keine Lösung anbietet, keine Form findet, keine Aussage macht, nichts Verbindliches mitteilt, nicht-schön, nicht-unterhaltend, usw. ist., d.h. daß sie nicht konkret auf Bedürfnisse der Gesellschaft oder anderer Individuen reagiert, sondern nur allgemein durch ihre Selbstbezogenheit. Sie wird zur Kompensation der Abwesenheit einer konsensfähigen Sinnhaftigleit. Damit wird sie aber auch beliebig, unverbindlich, nichtig, abstrakt. Sie besteht in einem Gestus der Verweigerung, der Negation, der sich selbst gegen das Nichts, seine Selbstaufhebung treiben muß.