Texte

Matthias Brandes

Ausstellungskunst

Die modernen Museen müssen Ereignisse schaffen, die notwendigerweise die Poetik der klassischen Tafelmalerei sprengen, da dieser eine quantifizierbare zeitliche Struktur der Rezeption nicht gegeben ist. Man spricht deshalb ja auch heute von Ausstellungs-Regie. Die Museumsräume müssen bespielt, der Publikumsfluß soll räumlich und zeitlich gelenkt werden. Das alles ähnelt natürlich immer mehr der Geisterbahn auf einer Kirmes.

Kunstausstellungen sind heute ohne Walkmann und Kopfhörern nicht mehr denkbar. "Bilder vom Hörensagen" (Platschek) Das Hören - oder Lesen - des erläuternden Textes ersetzt die eigene Betrachtungsarbeit. Der Text ist eine Art Zeitraffer. Er hat die Bedeutung des Waschzettels im Buchumschlag. Man ist informiert ohne das Buch gelesen zu haben. Aber man weiß ja, daß man es nicht gelesen hat. Nach dem Hören oder Lesen des Begleittextes zum Bild, weiß man allerdings nicht, daß man das Bild noch nicht gesehen hat. Das ist der entscheidende Unterschied. Das mithilfe des Begleittextes betrachtete Bild ist nur sein eigener Stellvertreter: Es ist dort keine intensive Wahrnehmung möglich. Alles wird beliebig, auch das Meisterwerk.

Es ist die obligatorische zeitliche Zeitstruktur der Austellungen, die dem Wesen der Malerei widerspricht. Malerei ist zeitlos. Oder besser: die zeitliche Struktur ihrer Wahrnehmung -im Gegensatz zur räumlichen Struktur, in der sie immer konkret eingebunden bleibt - ist unbestimmt, beliebig, von einem Bruchteil einer Sekunde (dem Augenblick!) bis zur täglich lebenslangen Betrachtung zB. von Bildern in einer Wohnung.

Die großen Kunstausstellungen arbeiten überwiegend mit einem Placebo-Effekt: Da kann an sich nichts wirken, weil alles in kurze Zeitabschnitte aufgeteilt wird und alles mit allem in Konkurrenz tritt, aber die Leute fühlen sich trotzdem gut dabei und geben dafür sogar Geld aus. Es lohnt sich, dies zu analysieren. Ebenso wie in Medizin ist der Placebo-Effekt in der Kunst eines der interessantesten Phänomene überhaupt ist.

Der Besuch einer Kunstausstellung gleicht der Besichtigung einer Bibliothek: Man konstatiert die Anwesenheit von Kunstwerken ohne die Zeit zu haben, sich mit ihnen zu beschäftigen. Die Besucher von Bibliotheken glauben in der Regel allerdings nicht, durch das Betrachten von Buchdeckeln zu Literaturkennern zu werden, sondern sie tragen das eine oder andere Buch nach Hause, um es dort zu lesen oder sie lesen im dortigen Lesesaal. Bei den meisten Besuchern von Kunstausstellungen ist jedoch anzunehmen, daß sich damit ihre Beschäftigung mit der Kunst durch Teilnahme am Ereignis Kunstausstellung erschöpft. Kunstausstellungen sind eine neue Kunstform, man könnte sagen, sie sind Meta-Kunst-Werke. Diese haben ihre eigenen Gesetze. Das einzelne Kunstwerk ist dabei nur Rohmaterial.