Rezensionen

"Es gibt zwei Möglichkeiten über diese Welt nachzudenken:
eine, die dich dahinbringt in Diskusssionen Recht zu haben,
und eine andere, die dich dahinbringt, die Dinge zu entdecken."

Dashiell Hammet

Olimpia Biasi

Halluzinierte Stille

Die "Aufgedrehte" ist eine Espressokanne "hundert-mal-siebzig-Acryl-auf-Leinwand", mit krummem Schnabel und fruchtbarem Becken, eng verwandt mit einer verzückten Badenden, die mit einem blauen Stuhl verschmilzt. Ihre Haltung ist unveränderbar und zeitlos. Man weiß weder seit wann, noch warum sie so hartnäckig regungslos verharren. "Drei Stühle", die sich in einer virtuosen Balance aber eindeutig introvertiert zur Schau stellen, sind mit sich selbst beschäftigt und geben ihre Absichten nicht preis.

Matthias Brandes erforscht das Schweigen, tritt verstohlen in uns verbotene Räume ein, wo die Dinge, Häuser oder Personen wie Fundstücke lagern, einem gemeinsamen Schicksal ausgeliefert, auswegslos in ein reines Licht gehüllt, sorgfältig abgelegt in der damit einverstandenen Stätte.

Diese Orte, geträumt oder von Fall zu Fall erfunden, haben keinen Duft, weder Geräusche oder Rauschen; sie leben in einer halluzinierten Stille. Matthias, verzaubert, durchschreitet sie hin bis zum Abgrund, der sie umschließt, wo lautlose Landschaften schwerelos lagern. Er setzt sich an den Rand und spielt, wie ein melancholischer Kater die Pfote ausstreckend, mit den Häusern, um sie sanft auf den Kopf zu stellen, staunend und verwundert über deren Leichtigkeit. Hier, am reinen Abgrund drehen sich die Häuser mit aufgerissenen Mündern und starren Augen ganz langsam, Bäume und kleine Stücke von Landschaft mit sich führend. Sie haben erdige Farben und beherbergen kubikmeterweise komprimierte Stille.

Das Atelier von Matthias ist ein weiter Abgrund voller sich wendender Häuser ohne einen Hauch von Wind, noch Geräusche, noch Düfte, noch Gerüche. Das Licht dringt allzu indiskret ein für den Maler, der sich schwerelos auf alten Dielen bewegt, die Hand ausstreckt und langsam ein Haus wendet, bis es in der "Szene N. 1" auftritt, wo es ein von einem reinen, wasserfarbenen Himmel geduldig erwartet wird. Draußen in der Welt tobt der Frühling mit schreienden Farben, Tönen, Lichtreflexen. Das Land ist unverschämt schön und vital.

Matthias spricht über sich, über sein Leben, seine Ankunft in Italien auf dem romantischen Weg bedeutender Nordländer. Spricht über das tiefsitzende Unbehagen, welches die Malerei ist, und seinem Gespür für Gegenständ-lichkeit. Er setzt seinen Fuß auf den Rasen und sagt: "Wo immer wir gehen, sind schon die Fußstapfen anderer aus diesem Jahrhundert".

Er, begeisterter Anhänger des italienischen Quattrocento, von Morandi, Magritte, Balthus, Sironi und aufmerksamer Beobachter der Orte und Zeugnisse der Kunst, hat eine richtige Schule und gründliche Erfahrungen hinter sich. Aber in seinem Innern spürt er die starke Sehnsucht, sich immer in die Räume zu flüchten, die nur er kennt, um in sich jenes tiefsitzende Unbehagen zu belauschen, welches die Malerei ist.

Vorwort für den Katalog Matthias Brandes, Bilder 1998-99